Die Debatte über eine ernsthafte Untersuchung des Anschlags vom September 2022 auf die Nord-Stream-Pipelines, die russisches Gas an die deutsche Küste transportierten, war in Deutschland lange Zeit in den Hintergrund gerückt, doch die vergangene Woche brachte neue Elemente. Die Bundesanwaltschaft gab am 2.7. bekannt, die Anklage gegen einen Ukrainer, der wegen Beihilfe zu dem Anschlag in Haft sitzt, als Kriegsverbrechen zu verfolgen. Sie wirft dem Verdächtigen, der zum Zeitpunkt der Tat Offizier der ukrainischen Armee war, und seinen sechs Komplizen vor, auf Befehl staatlicher Stellen in der Ukraine gehandelt zu haben. Damit rückt der Fall in einen viel größeren Zusammenhang: Kriegsverbrechen werden von Staaten und staatlichen Institutionen begangen, und das Ergebnis des Gerichtsverfahrens sollte die Verurteilung eines Staates sein.
Unmittelbar nach dieser Bekanntgabe forderte der AfD-Co-Vorsitzende Tino Chrupalla, daß Berlin unverzüglich alle militärische Unterstützung für Kiew einstellt. Die wahren Täter müßten identifiziert werden, und der Staat oder die Staaten, die hinter diesem Kriegsverbrechen stehen, müßten bestraft werden und Entschädigung zahlen.
Ebenfalls am 2.7. wurde die gründlich recherchierte Dokumentation Nord Stream – Die Sprengung, ein zweistündiger Film des erfahrenen Enthüllungsjournalisten und Filmemachers Moritz Enders, im Berliner Kino Babylon vorgestellt. Er und der Mitautor Gunther Merz bezweifeln die offizielle Darstellung, wonach ukrainische Hobbytaucher die Sabotage von Bord einer gemieteten Yacht aus durchgeführt hätten. Stattdessen verweisen sie auf den historischen Hintergrund geopolitischer Operationen des Britischen Empire zur Sabotage einer Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Rußland, bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – ein Teilaspekt davon war die Opposition gegen die Bagdadbahn, die die Deutschen für das Osmanische Reich bauten. Seitdem führen britische, später anglo-amerikanische Geopolitiker einen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland. US-Regierungen wollten schon in den 1970er Jahren die Pipeline-Abkommen zwischen Deutschland und der Sowjetunion verhindern. US-Präsident Joe Biden sagte unverblümt zu Bundeskanzler Olaf Scholz, Washington werde dafür sorgen, daß Nord-Stream-2 niemals in Betrieb gehen würde – und dann kam der Anschlag im September 2022..
In dem Film interviewt Enders prominente Kritiker der offiziellen Nord-Stream-Darstellung, wie Theodore Postol und Ray McGovern aus den USA und Harald Kujat aus Deutschland, und stellt die Hypothese des US-Enthüllungsjournalisten Seymour Hersh zur Rolle westlicher Spezialagenten bei dem Anschlag vor. Zwei weitere Vorführungen in dem Kino sind im Juli geplant, und der Film ist gegen Kauf einer Eintrittskarte auch online verfügbar (https://nordstreamfilm.de/).