Die Türkei ist gerade einer größeren Destabilisierung entkommen, nachdem das Verfassungsgericht eine Klage verworfen hat, wonach die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) den Verfassungsgrundsatz der Säkularität verletzt habe. Eine Verurteilung der AKP hätte ein Verbot der Partei bedeutet. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und 50 Abgeordneten hätten sich fünf Jaher lang nicht politisch betätigen dürfen. Die Entscheidung hätte das Land ins Chaos gestürzt.
Dieser „postmoderne Putschversuch" fällt zeitlich zusammen mit dem Vorgehen der Behörden gegen das kriminelle Netzwerk „Ergenekon", eine Art türkisches Äquivalent zum berüchtigten "Gladio-Netzwerk" in Italien, das zur NATO gehörte und in Terrorismus verwickelt war. Ergenekon wird vorgeworfen, über eine „Strategie der Spannung" einen Militärputsch gegen die Regierung Erdogan anzustreben. In der 2500 langen Anklageschrifte, die der türkische Oberstaatsanwalt am 15.7. präsentierte, finden sich Hinweise auf US-Vizepräsident Dick Cheney. Vor allem wird berichtet, drei Spitzenberater Cheneys hätten sich in Washington mit dem Korrespondenten der ultranationalistischen türkischen Zeitung Cumhuriyet getroffen.
Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, sollen dabei "Alternativen zur AKP", moderaten Islam, Al Kaida etc. diskutiert worden sein. Der Herausgeber der Zeitung, Ilhan Selcuk, wurde im Zusammenhang mit dem Ergenekon-Verfahren verhaftet; Chefredakteur Ibrahim Yildiz wurde vernommen. Im Vorstand der Cumhuriyet-Stiftung, der die Zeitung gehört, sitzt Gendarmeriegeneral a.D. Sener Eruygur, der gegenwärtig inhaftiert ist und als einer der mutmaßlichen Köpfe des Ergenekon-Netzes gilt.
Wie in der Türkei allgemein bekannt ist, befindet sich Cheneys neokonservativer Apparat auf Konfrontationskurs mit der Regierung Erdogan. Michael Rubin von der Neocon-Denkfabrik American Enterprise Institute hat sogar die absurde Behauptung aufgestellt, Erdogan sei der „türkische Ahmadinedschad".
Am 14.3., wenige Wochen nach dem Washingtoner Treffen, eröffnete der Oberstaatsanwalt das Verfahren gegen die AKP. Am 24.3. folgte Cheneys eigene offizielle Reise in die Türkei. Wie vielfach gemeldet wurde, setzte Cheney die Regierung unter Druck, zusätzliche Truppen nach Afghanistan zu entsenden, was diese jedoch zurückwies. Viele Kommentatoren vermuteten auch, daß er mit der Reise Unterstützung für einen Angriff auf den Iran mobilisieren wollte, was die Regierung Erdogan ebenfalls ablehnt.