Konferenzen in Lyon und Essen: Europa muß die Chancen der Neuen Seidenstraße ergreifen!
25. Oktober 2016 • 16:30 Uhr

Die vor drei Jahren vom chinesischen Präsidenten Xi Jinping angestoßene Initiative der Neuen Seidenstraße bietet Europa enorme Chancen, seine Existenzkrisen zu überwinden und sich der Entwicklungsdynamik in Asien und der Mehrheit der Entwicklungsländer anzuschließen. Bisher wird dieses Potential in der transatlantischen Welt nicht genügend erkannt, die strategischen Neukonstellationen werden in den Medien eher als Bedrohung dargestellt. Das Schiller-Institut veranstaltete nun um dies zu ändern, am 19. und 21. Oktober sehr erfolgreiche Konferenzen über die Chancen Europas mit der Neuen Seidenstraße in zwei wichtigen europäischen Städten: im französischen Lyon (dem historischen Endpunkt der alten Seidenstraße und heute auch des ersten Güterzuges von Wuhan auf der „Eisernen Seidenstraße“) und in Essen im Ruhrgebiet, ganz nahe bei Duisburg, dem ersten Haltepunkt dieser eurasischen Bahnstrecke und größten Binnenhafen Europas. Frankreich und Deutschland spielen eine besondere Rolle dabei, gemeinsam sicherzustellen, daß sich Europa an den vielfältigen Möglichkeiten beteiligt, die Chinas Projekt der Neuen Seidenstraße bietet.

Lyon war nicht nur eine wichtige Stadt für die alte Seidenstraße, sondern ist auch die Endstation einer neuen Zugverbindung mit China, über die dreimal pro Woche Silikate für die Reifenproduktion, elektronische Geräte, LED-Lampen und Sportkleidung aus Wuhan geliefert werden. Auf der Rückfahrt bringt er französische Weine, Kosmetik und Nahrungsmittel nach China. Der Zug durchquert auf seiner 11300 km langen Reise sechs Länder, er wechselt achtmal die Lokomotive und muß dreimal die Spurweite wechseln.

Die Veranstaltung in Lyon wurde vom französischen Schiller-Institut gemeinsam mit dem Club China EM Lyon FOREVER durchgeführt, einer Absolventenvereinigung der renommierten Lyoner Wirtschaftshochschule Ecole de Management (EM), die auch eine Zweigstelle in Shanghai hat. Redner der Konferenz waren die Vorsitzende des Schiller-Instituts, Helga Zepp-LaRouche, Professor Shi Ze von China Institute of International Affairs, Christine Bierre, Chefredakteurin der Zeitung Nouvelle Solidarité und führendes Mitglied der Partei Solidarité et Progrès, sowie Jean Christoph Vautrin, der Präsident des Club China EM Lyon FOREVER.

Helga Zepp-LaRouche hielt als Gastrednerin die Eröffnungsrede der Konferenz und forderte gleich zu Beginn die Zuhörer heraus: „Was würde Charles de Gaulle heute tun, um das französische Volk vor den beispiellosen Gefahren auf der Welt, nämlich der Zwillingsgefahr potentieller nuklearer Konfrontation zwischen Amerika und Rußland und der akuten Möglichkeit einer Kernschmelze des transatlantischen Finanzsystems, zu beschützen?“ Da von Menschen gemachte Politik an diesen Gefahren schuld sei, könne man sie auch überwinden, indem man einen radikal anderen politischen Kurs einschlägt. Sie stellte dann Lyndon LaRouches „Vier Kardinalgesetze“ zur Lösung der Probleme vor, um dann ähnlich wie zwei Tage später in Essen die Entwicklung und Aussichten der Dynamik der Neuen Seidenstraße und Weltlandbrücke darzustellen.

Sie berichtete über Chinas atemberaubende wirtschaftliche Entwicklung, mit der in wenigen Jahrzehnten rund 700 Millionen Chinesen aus extremer Armut gehoben wurden, und betonte, es gehe bei der Neuen Seidenstraße nicht bloß um den Verkehr und Austausch von Waren, sondern auch um den Austausch von wissenschaftlichen Kenntnissen, Technologien und Kultur, um die beteiligten Nationen zu transformieren. Dann beschrieb sie die Serie von Gipfeltreffen in Ostasien – das Treffen der G-20 in Hangzhou (Vhina), das Ostasien-Wirtschaftsforum in Wladiwostok (Rußland) und das ASEAN-Treffen in Vientiane (Laos) – bei denen innerhalb von sechs Wochen eine enorme Zahl von Wirtschaftsabkommen geschlossen wurden, und sie zählte die Finanzinstitutionen auf, die zur Verwirklichung dieses Aufbauprogramms gegründet wurden.

Dadurch habe sich der „Schwerpunkt der Weltpolitik ganz klar nach Asien verlagert“. Sie verurteilte die Mentalität der „Thukydides-Falle“, die in den oligarchischen Eliten des Westens vorherrscht, und kam dann wieder zurück auf den „Patrioten und Weltbürger“ de Gaulle: „Ich bin mir sicher, daß er die Idee der Überwindung der Armut durch die globale Ausweitung der Neuen Seidenstraße zu einer Weltlandbrücke von ganzem Herzen unterstützen würde.“ Schließlich zitierte sie aus der wunderbaren Rede an die deutsche Jugend, die de Gaulle 1962 in Ludwigsburg hielt und in der er über die „dunkle Kraft“ sprach, durch die „die materiellen Dinge der Welt einer immer rascheren Umwandlung“ unterliegen, und darüber, „wie die Gesamtergebnisse der wissenschaftlichen Entdeckungen und der maschinellen Entwicklung die physischen Lebensbedingungen der Menschen tief umwälzen... Sie sollen danach streben, daß der Fortschritt ein gemeinsames Gut wird, sodaß er zur Förderung des Schönen, des Gerechten und Guten beiträgt.“

Helga Zepp-LaRouche verwies auf die „tiefe Affinität“ zwischen dieser europäischen humanistischen Tradition und dem Konzept der Selbstvervollkommnung des Menschen, das durch den Konfuzianismus entwickelt wurde. „Was ist heute unser Ziel? Reichen wir uns die Hand, um Afrika durch die Erweiterung der Seidenstraße zu industrialisieren, und sicherzustellen, daß alle Kinder auf dem Planeten Zugang zur universellen Bildung erhalten.“

Kooperation zwischen China und Europa auch in Drittländern

Anschließend erklärte Prof. Shi Ze vom Institut für Internationale Studien (Beijing) aus chinesischer Sicht, was das Ziel der Seidenstraßen-Initiative ist, und was dies für Europa, Deutschland und Frankreich bedeutet. In seinen Antworten auf Fragen aus dem Publikum betonte er mehrfach, daß dieses Projekt auch für Europa nicht mehr bloß ein Konzept ist, sondern sich bereits in der Realisierungsphase befindet. Die Europäer, mahnte er, sollten nicht zu lange zögern, denn das Angebot werde nicht für alle Zeiten offen bleiben. Das Projekt, so Shi Ze, sei nicht bloß eine Kopie der alten Seidenstraße. Es übernehme, was an der alten Seidenstraße positiv war, aber es verwende es in der heutigen Welt als eine Strategie für Kooperation und Frieden. China wolle ein neues Kapitel seiner Öffnung zur Welt schreiben. Die Seidenstraße sei sowohl „Öffnung“ wie „Inklusion“, „Souveränität“ und "gegenseitiges Interesse“. Das kulturelle Konzept sei das der Harmonie in der Vielfalt.

Ihm gehe es darum, einige Mißverständnisse über das Projekt der Seidenstraße auszuräumen. Es sei kein Projekt, das China „im Alleingang“ verwirklichen könne, China habe dadurch vielmehr eine offene Plattform geschaffen, das durch die Mobilität seines Kapitals der ganzen Welt nutzen werde. Es gehe nicht darum, auf die übrige Welt hinauszugreifen, sondern um eine Kombination von hinauswirken und hereinwirken. Es sei auch keine geographische Strategie, kein „Gürtel“ im üblichen Sinne des Wortes, sondern eine inklusive internationale Entwicklungsplattform. Seit dem 1. August 2014 kommen wöchentlich 20 Containerzüge aus dem Inneren Chinas nach Europa. Im Vergleich zum Seehandel wird die Reise um 15 Tage verkürzt, was die Kosten reduziere und Kapital für bessere Nutzungen freisetze.

Professor Shi Ze äußerte die Hoffnung, daß der Juncker-Plan, der Investitionen von 315 Mrd. Euro vorsieht, mit dem Projekt der Neuen Seidenstraße verbunden werden könne. Das Ziel sei es, die Eisenbahnnetze, Flughäfen, Straßen, Seehäfen, Öl- und Gaspipelines, Strom- und Telekommunikationsverbindungen zwischen Europa und China zu modernisieren. Chinas Rolle habe sich in jüngster Zeit verändert. China sei nicht mehr bloß eine Handelsmacht, sondern ein Investor. Das schaffe ein enormes Potential für die Zusammenarbeit zwischen Europa und China. Großbritannien, Frankreich, Deutschland und andere wünschten eine finanzielle Kooperation mit China. Schon jetzt gebe es 700 Mrd. Yuan an Swaps zwischen den Europäern und den Chinesen.

Shi Ze betonte besonders die enge Partnerschaft zwischen China und Frankreich, seit Präsident de Gaulle ein Jahrzehnt früher als andere westliche Länder die diplomatischen Beziehungen zu Beijing aufnahm. China habe ein besonderes Interesse an Gemeinschaftsprojekten mit Frankreich in anderen Ländern. Shi Ze betonte wiederholt, es sei ungemein wichtig, gemeinsam in Afrika in Infrastruktur, Energie, Verkehr usw. zu investieren, so wie dies in einer gemeinsamen französisch-chinesischen Erklärung von 2015 gefordert wird.

Kooperation im Sinne von Leibniz

Christine Bierre, Chefredakteurin der Zeitung Nouvelle Solidarité und führendes Mitglied von Jacques Cheminades Partei Solidarité et Progrès, beschrieb den Stand der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Paradoxerweise mache Präsident Hollande gegenüber China offenbar eine viel bessere Politik als im eigenen Land. Als privilegierter Verbündeter Chinas seit 1964 – dank de Gaulle – teile Frankreich wichtige Hochtechnologie im Austausch für Aufträge im Rahmen der rasanten Wirtschaftsentwicklung Chinas.

So werden in China Airbus-Maschinen montiert und die beiden Länder arbeiten seit 30 Jahren bei der Kernenergie eng zusammen. Am 30.6.2015 schlossen sie ein Abkommen über den gemeinsamen Bau von Reaktoren in Drittländern, nach dem Modell von Hinkley Point in Großbritannien. Zudem gibt es eine intensive Zusammenarbeit im Kampf gegen Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung, was gegenwärtig eine von Chinas Prioritäten ist.

Bierre schlug vor, im Geist von Gottfried Leibniz’ großer eurasischer Strategie aus dem 17. Jahrhundert zukünftig vier weitere Stränge der Kooperation zu stärken: Raumfahrt, neue Kernkraftgenerationen (Fusion, Kugelhaufenreaktor, Thorium-Salzschmelze-Reaktor, Spaltungs-Fusions-Hybridreaktor), Modernisierung der Bahnverbindungen sowie Gemeinschaftsprojekte in Afrika. All dies mache eine Rückkehr Frankreichs zu einer klaren Industrieorientierung für die Zukunft erforderlich.

Aber über dieses oder jenes einzelne Projekt hinaus habe Frankreich in seinen Beziehungen zu China am meisten zu gewinnen, indem es seinen eigenen „Traum“ finde. Das Bündnis mit China müsse Frankreich dazu führen, seine eigenen Ideale und den Voluntarismus wiederzufinden, um diese Metapher zu verwirklichen, die Chinas Premier Li Keqiang am 2. Juli 2015 in einer Rede in Toulouse verwendete: Wenn unsere beiden großen Nationen zusammenarbeiten, werde dies nicht bloß eine Synergie im Sinne von „ein und eins sind mehr als zwei“ ergeben, sondern eine Energie, die mit der der Kernfusion vergleichbar sei, die natürlich friedlichen Zielen und der Sache des Friedens dienen müsse.

Abschließend stellte Jean-Christophe Vautrian, Präsident des Club China EM (Ecole de Management) Lyon FOREVER, die Aktivitäten seiner Absolventenvereinigung vor, die Konferenzen und andere Veranstaltungen über chinesische Wirtschaftspolitik, Geschichte und Kultur organisiert.